Aspekte der palliativen Wundversorgung

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Die palliative Pflege wendet sich an Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt. Neben Hospizen sind heutzutage viele pflegerische Einrichtungen mit der Versorgung solcher Menschen betraut. Insbesondere in der ambulanten Pflege gewinnt die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) zunehmend an Bedeutung.

 

Was bedeutet Palliatives Wundmanagement?

International hat sich der Begriff Palliative Care etabliert, in Deutschland werden oft Palliativmedizin, -betreuung oder -versorgung sowie palliative Pflege gleichbedeutend verwendet. Die Bezeichnung „palliativ“ fasst alle therapeutischen und pflegerischen Maßnahmen zusammen, die nicht auf die Heilung einer Erkrankung abzielen, sondern die Linderung der Beschwerden und die Minderung der Auswirkungen auf die Lebensqualität des Betroffenen an seinem Lebensende im Fokus haben. Der Begriff stammt aus der lateinischen Sprache: „palliare“ bedeutet, etwas mit einem Mantel (lat. pallium) schützend zu bedecken bzw. zu umhüllen.

 

Palliative Wundversorgung Definition

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Palliativmedizin ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihrer Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen. Dabei stehen das Vorbeugen und Lindern von Leiden durch frühzeitiges Erkennen, die gewissenhafte Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art im Vordergrund (WHO 2002).

 

Malignom-assoziierten Wunden

Im Rahmen einer Krebserkrankung können Malignom-assoziierte Wunden entstehen. Solche Wunden bilden sich aus, wenn die Haut durch Tumorzellen durchbrochen wird, die von einem primären Hauttumor, einem in darunter liegende Gewebeschichten einwachsenden Tumor oder Metastasen ausgehen. Solche Tumorzellen infiltrieren die Haut sowie die nahegelegenen Blut- und Lymphgefäße. Wird das maligne Zellwachstum nicht zeitnah erkannt und kausal behandelt, z. B. durch Chemo-, Radiotherapie oder Operation, steigt das Risiko der Schädigung des umgebenden Gewebes. In der Folge entsteht eine Malignom-assoziierte Wunde (Abb. 1). Laut der S3-Leitlinie „Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung“ treten Malignom-assoziierte Wunden bei 6,6 – 14 % der Menschen, die von einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung betroffen sind, auf. Mit 49 % tritt fast die Hälfte aller Tumorwunden an der Brust auf. Weitere Lokalisationen sind zu 21 % der Hals, zu 18 % der Bauch, zu 17 % die Genitalien und zu 13 % der Kopf. 2 % der Malignom-assoziierten Wunden befinden sich an anderen Körperregionen.

 

Ziele der palliativen Wundversorgung

Wenn eine erfolgreiche kausale Therapie der zugrunde liegenden Krebserkrankung nicht mehr möglich ist, setzt die palliative Pflege an. Bei diesen Menschen ist die lokale Wundtherapie somit nur eine unterstützende Maßnahme. Entsprechend liegt der Schwerpunkt nicht auf der Abheilung der Wunde, sondern auf der psychosozialen Betreuung und Symptomlinderung bei schwerstkranken Menschen unter Wahrung ihrer Würde und Selbstbestimmung. Im Fokus liegen die Minderung von Schmerzen, die Steigerung der Lebensqualität und möglichst geringe Belastungen durch die notwendigen Behandlungsmaßnahmen. Der Betroffene erfährt Kontrollverlust, verspürt Hilflosigkeit, ist niedergeschlagen und unterliegt dem Risiko von Vereinsamung bzw. sozialer Isolation. Daher werden palliative Maßnahmen immer von psychosozialer Betreuung der Patienten und ihrer Bezugspersonen begleitet.
Bei der Wundversorgung geht es darum, Wundwachstum bzw. Gewebezerfall sowie Komplikationen hinauszuzögern. So liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Linderung von wund- und therapiebedingten Einschränkungen. Hierzu zählen: Schmerzen, unangenehme Gerüche, hohe Exsudatmengen und damit verbundene Hautprobleme, Juckreiz und Blutungen. Zudem entwickeln Betroffene Körperbildstörungen, das bedeutet die Akzeptanz des eigenen Erscheinungsbilds sinkt bis hin zum Selbstekel. Dies geschieht, wenn der Tumor durch Exulzeration nach außen sichtbar und der Patient so täglich an seine unheilbare, voranschreitende Krankheit erinnert wird. Zudem liegen solche Malignom-assoziierten Wunden oft an sensiblen Regionen wie der Brust beim Mammakarzinom oder gut einsehbaren und z. T. nicht zu verbergenden Stellen wie Gesicht oder Hals. Alle diese Einschränkungen haben Einfluss auf das subjektive Erleben der Betroffenen und beeinträchtigen ihre Lebensqualität in vielfacher Hinsicht. Die palliative Wundversorgung basiert daher auf persönlicher Zuwendung, Einfühlungsvermögen und dem verständnis- und vertrauensvollen Miteinander von Patienten und Behandlern. In diesem Rahmen werden die Unabhängigkeit und das Selbstmanagement der Betroffenen soweit möglich unterstützt und Immobilität, Schonhaltungen sowie sozialer Isolation vorgebeugt.

 

Versorgungsoptionen

Beim palliativen Wundmanagement unterscheidet man grundsätzlich zwei Arten von Wunden. Manche Patienten haben zum Teil bestehende Wunden, wie sekundär heilende OP-Wunden oder chronische Wunden (z. B. Ulcus cruris, Dekubitus, diabetisches Fußulkus), für die auch in der Palliativsituation noch Heilungschancen bestehen. Bei solchen Wunden erfolgt eine phasengerechte, feucht-warme Wundversorgung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Die Verbandwechselintervalle orientieren sich an Patientenpräferenzen, Wundsituation und Herstellerangaben. Die verwendeten Verbandmittel sollten für den Betroffenen akzeptabel und bequem sein, möglichst keine negativen Auswirkungen auf seinen Alltag haben, einfach handhabbar sein und nicht mit dem Wundgrund verkleben.
Zum anderen gibt es die Malignom-assoziierten Wunden, die aufgrund einer unheilbaren Grunderkrankung entstehen. Die Versorgung dieser Wunden zielt nicht mehr auf einen Wundverschluss ab, sondern auf die Linderung von Symptomen und die Reduktion von Komplikationen unter Erhaltung einer bestmöglichen Lebensqualität des Betroffenen.
Vor Behandlungsbeginn wird, orientiert an der vorliegenden Wunde, festgelegt was das Ziel der Versorgung ist: kurativ oder palliativ.
Für Malignom-assoziierte Wunden gilt, dass bei diesen keine Versorgung mit folienbeschichteten Verbandmitteln erfolgt. Da diese ein feucht-warmes Wundmilieu fördern und erhalten, unterstützen sie optimal das Zellwachstum. In der Folge kann auf diese Weise auch das Wachstum der Tumorzellen gefördert und das Krankheitsbild verschlechtert werden. Bei der Versorgung von Malignom-assoziierten Wunden kommen daher konventionelle Sekundärabdeckungen zum Einsatz. Hierzu gehören (Saug-)Kompressen oder Verbandmittel mit Superabsorber. Nach den oben genannten Maßgaben der palliativen Versorgung gibt es auch in diesem Bereich individuelle Ausnahmen, da die Lebensqualität und die Wünsche des Betroffenen im Vordergrund stehen. Wenn dieser beispielsweise ein gemeinsames Essen mit Angehörigen oder einen Besuch der Enkelkinder plant, kann es sinnvoll sein, kurzzeitig auch folienbeschichtete Wundauflagen bzw. Folienverbände zur Wundabdeckung zu nutzen, um Gerüche zu blockieren.

Nachfolgend werden Versorgungsoptionen für die oben genannten Einschränkungen wie Schmerzen, hohe Exsudatmengen, Gerüche, Blutungen Juckreiz und Körperbildstörungen vorgestellt. Die Angaben orientieren sich an der S3-Leitlinie „Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung“ der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, die sich in Kapitel 15 den Versorgungsoptionen von Menschen mit malignen Wunden widmet.

 

Symptomlinderung in der palliativen Wundversorgung

Oft sehen Betroffene ihre Schmerzen als größte physische Beeinträchtigung im Zusammenhang mit Malignom-assoziierten Wunden. Durch Schmerzerleben und -erwartung werden diese gleichzeitig zu einer psychischen Belastung und beeinträchtigen die Lebensqualität in mehrfacher Hinsicht. Schmerzauslöser können sein:

  • Infektion
  • Ischämie
  • Ödeme
  • Mazeration sowie Hautschäden von Wundrand und -umgebung, insbesondere durch hohe Exsudation
  • ausgetrocknete Wundoberfläche
  • Druck auf umgebendes Gewebe durch Tumorwachstum

Die individuell angepasste, systemische Schmerzbehandlung durch Analgetika ist daher ein wesentlicher Faktor für die Wiederherstellung und Gewährleistung einer erträglichen Lebenssituation. Folgende Aspekte sind grundsätzlich zu beachten:

  • Alle Menschen empfinden Schmerzen individuell unterschiedlich
  • Erfassung bisher durchgeführter Schmerztherapien
  • Beurteilung der bisherigen Schmerzmedikation: z. B. was war gut/schlecht/Nebenwirkungen
  • Ausreichende Dosierung
  • Pünktliche und regelmäßige sowie ggf. zusätzliche Einnahme bei Bedarf
  • Schmerzmittelbedingte Nebenwirkungen, z. B. Übelkeit, Erbrechen, Obstipation sind zu erfassen und zu minimieren bzw. erfolgreich zu beseitigen
  • Einbindung weiterer Professionen, z. B. Schmerztherapeut

Das „WHO-Stufen-Schema inkl. Ko-Analgetika“ der WHO (Abb. 2) bietet eine hilfreiche Orientierung für die systemische, individuell dosierte Behandlung von dauerhaften nozizeptiven oder neuropathischen Schmerzen. Diese Systematik beinhaltet auch die Gabe von Adjuvantien, z. B. Laxantien bei der Verabreichung von Opiaten.

Grundlagen für eine erfolgreiche Schmerztherapie sind Verständnis, Zuspruch und Einfühlungsvermögen, eine gesunde Vertrauensbasis sowie ein wertschätzender Umgang zwischen Patienten und Behandlungsteam.

Der Verbandwechsel bedeutet eine zusätzliche, wiederkehrende Stresssituation für den Patienten, die er oft mit Schmerzen verbindet. Daher ist zeitnah vorab ein schnellwirksames Analgetikum zu verabreichen. Um unnötigen Schmerzen vorzubeugen, liegt ein Augenmerk auf der atraumatischen Wundversorgung. Zu Beginn erfolgt die Aufklärung über die anstehende Behandlung. Hierbei können erste Ängste genommen werden. Hinzu kommen das Absprechen der genauen Vorgehensweise sowie die Vereinbarung von Stoppsignalen. Verbandwechsel sollten grundsätzlich nach dem Prinzip „so häufig wie nötig – so selten wie möglich“ erfolgen. Folgende Strategien und Techniken helfen, den Verbandwechsel für den Betroffenen erträglicher zu machen:

  • Fenster schließen, Zugluft vermeiden
  • Bequeme Positionierung, ggf. unterstützenden Hilfsmitteleinsatz bedenken
  • Längeres Freilegen der Wunde vermeiden, um Auskühlen oder Austrocknung vorzubeugen
  • Patienten häufig ansprechen, bei Bedarf Pause einlegen und Betroffenen ablenken, z. B. Hand halten
  • Verbandmittel vorsichtig entfernen: z. B. durch Befeuchten mit Ringer-/NaCl 0,9%-Lösung oder lösungsmittelfreiem Pflasterlöser, um Hautrisse zu vermeiden, Folienverbände durch Überdehnen der Folie parallel zur Haut ablösen
  • Angewärmte Wundspüllösungen verwenden
  • Verbandmittel ohne Klebeflächen oder mit hautfreundlichen Beschichtungen, z. B. Silikon, Soft-Gel, Lipidokolloiden, bevorzugen, die sich atraumatisch entfernen lassen
  • Mechanischen Reizungen verbeugen: z. B. durch Spülen statt Wischen, Anwendung der Nass-Trocken-Phase oder Nutzung von weichen Vlieskompressen oder speziellen Reinigungspads
  • Unnötige Reize wie Berührung von Wunde und Wundumgebung oder Druck vermeiden
  • Wunde zügig wieder verbinden
  • Verbandmittel spannungsfrei und ohne Einschnürungen anbringen, z. B. Fixierung mit elastischen Schlauchverbänden oder vorgefertigten flexiblen Textilen (Abb. 3); bei Verwendung von elastischen Mullbinden oder Netzverbänden besteht Einschnürungsgefahr

Bei Wundschmerzen empfiehlt die S3-Leitlinie lokal eingesetzte Analgetika, z. B. Morphingel (Off-Label-Use). Dieses ist allerdings mindestens einmal täglich zu applizieren. Zudem ist die Wirkung auf die peripheren Schmerzrezeptoren bei bestimmten Wundzuständen, z. B. bei nekrotischem Gewebe, unsicher. Alternativ kann der Einsatz von Lokalanästhetika (z. B. EMLA®-Creme oder ANESDERM®) erwogen werden. Diese Produkte haben jedoch nur eine Zulassung für Ulcus cruris Wunden. Daher ist ihr Einsatz bei Malignom-assoziierten Wunden ein Off-Label-Use. Bei Druck und Spannungsgefühlen durch bestehende Lymphödeme, die zusätzliche Schmerzen für den Betroffenen bedeuten und zudem die Exsudation erhöhen, empfiehlt die S3-Leitlinie eine manuelle Lymphdrainage (MLD). Das direkte Tumorgebiet ist bei der MLD allerdings auszusparen, da eine mögliche fortschreitende Metastasierung durch die MLD kritisch diskutiert wird. Grundsätzlich ist die Symptomlinderung gegen dieses Risiko individuell abzuwägen.

 

Mögliche Maßnahmen bei Körperbildstörungen

Das Auftreten und das Wachstum von Malignom-assoziierten Wunden haben erhebliche Konsequenzen für das körperliche Erscheinungsbild des Betroffenen. Oft befinden sich solche Exulzerationen und Wunden an intimen Regionen, wie der Brust oder gut einsehbaren und nicht zu verbergenden Stellen, wie dem Gesicht oder am Hals. Manchmal ist es schwer für den Betroffenen, den eigenen Anblick noch zu ertragen. Dieser fühlt sich regelrecht entstellt. Zu den optischen Aspekten kommen weitere Faktoren, wie belastende Gerüche, erhebliche Exsudatmengen, mit denen Malignom-assoziierte Wunden oft einher gehen. Die Folgen sind durchnässte und übelriechende Kleidung. Dies steigert den Selbstekel, der zudem durch das Schamgefühl gegenüber anderen verstärkt wird. So entwickeln sich Körperbildstörungen.  Diese verstärken sich, wenn das Behandlungsteam sich im Wesentlichen nur für die Wunde zu interessieren scheint und nicht den Betroffenen als Ganzes in den Blick nimmt. Auf keinen Fall sollte der Patient lediglich auf seine Wunde reduziert werden. Im Fokus stehen die Stärkung seines Kontrollgefühls und die Unterstützung seines gesundheitsbezogenen Selbstmanagements. Hierbei stehen die Vorstellungen und Bedürfnisse des Betroffenen im Vordergrund. Hieran orientieren sich die Ziele der Versorgung, z. B.:

  • Kosmetische Aspekte: z. B. den Verband durch ein Halstuch kaschieren oder eine modische Mütze tragen
  • Anpassen der Kleidung: keine enge, einschnürende Kleidung tragen; schwarze und weite Kleidung kaschiert Exsudatflecken
  • Prävention und zeitnahe Behandlung von Infektionen zur Schmerz-, Exsudat- und Geruchsminimierung

Diese gemeinsame Zielsetzung erfolgt im vertrauensvollen Gespräch. Dieses ist nicht nur informativ, sondern wirkt zudem oft befreiend, da es dem Patienten Gelegenheit gibt, sich einmal auszusprechen.

 

Exsudat managen

Die Selbstreinigungsprozesse Malignom-assoziierter Wunden führen zu einer deutlich erhöhten Exsudation, da der Körper versucht, Zelltrümmer und Abfallstoffe aus der Wunde zu spülen.  Zudem wird die Wundexsudation oft auch als Reaktion auf mechanische Reize oder eine Infektion verstärkt. Die ständige Feuchtigkeit und der oft damit einhergehende Geruch belastet nicht nur die Hauts sondern auch die Lebenssituation des Betroffenen, beispielsweise hinsichtlich Kleidungsauswahl, Freizeitgestaltung sowie gesellschaftlichem Umgang und bedeutet eine gravierende psychische Belastung.

Aufgrund der genannten Einschränkungen ist ein individuell angepasstes Exsudatmanagement ein Versorgungsschwerpunkt bei Menschen mit Malignom-assoziierten Wunden. Dieses beinhaltet z. B.:

  • Ursächliche Behandlung des Exsudataufkommens, z. B. durch Beseitigung einer Infektion
  • Verbandmittel verwenden, die ausreichend Exsudat binden und halten können (Retention), z. B. Verbandmittel mit Superabsorber ohne Folienbeschichtung; um einem schmerzhaften Verkleben mit dem Wundgrund vorzubeugen, sind solche Verbandmittel bei Bedarf auch mit hautfreundlichen Beschichtungen (z. B. Silikon) erhältlich oder kombiniert mit Wunddistanzgittern einsetzbar
  • Wundhöhlen sind entsprechend zu tamponieren/auszufüllen: z. B. mit Alginaten, Hydrofaser oder Cavity-Schaumverbänden
  • Bei kleineren Malignom-assoziierten Wunden mit hoher Exsudation oder bei Fistelbildung ggf. Einsatz von Stoma-/Drainagebeuteln; zur Geruchsminimierung können Süßstofftabletten in den Beutel gegeben, oder Beutel mit Kohlefilter verwendet werden
  • Bei sehr hohem Exsudataufkommen und starker Geruchsbildung lokale Unterdrucktherapie abwägen: diese fängt große Exsudatmengen auf und schließt diese und den begleitenden Geruch zuverlässig ein, mindert Wundinfekte und verlängert das Verbandwechselintervall Off-Label-Use bei Malignom-assoziierten Wunden
  • Mazerationen von Wundrand und -umgebung durch transparente Hautschutzfilme vorbeugen (Abb. 4)

Die erhöhte Exsudation entzieht dem Körper zudem Flüssigkeit, mit der auch wichtige Elektrolyte und Proteine verloren gehen. Daher ist auch ergänzend ein Fokus auf eine angepasste Ernährung zu legen.

 

Gerüche minimieren -  Symptomlinderung in der palliativen Wundversorgung

Neben den eben beschrieben Effekten des Exsudats sind insbesondere der Zellzerfall des Tumorgewebes sowie die Aktivität geruchsbildender Erreger Auslöser für unangenehme Gerüche. Folgende Versorgungsoptionen zur Geruchsminimierung sind daher Bestandteil der palliativen Wundversorgung:

  • Eine sorgfältige Wundreinigung bei jedem Verbandwechsel entfernt Zelltrümmer, Abfallstoffe, Exsudat und Keime
  • Wundspüllösungen, die hypochlorige Säure enthalten, binden zusätzlich Gerüche
  • Bei Bedarf chirurgisches Débridement von nekrotischem Gewebe zur Geruchs- und Schmerzreduktion: Nutzen und Risiken bzw. Belastungen durch diese Maßnahme sind mit dem Betroffenen sorgfältig abzuwägen
  • Bei kritischer Kolonisation und Infektion Einsatz von zeitgemäßen Lokalantiseptika auf Octenidin- oder Polihexanidbasis (Abb. 6); zusätzlicher Vorteil: geringere Infektionsgefahr
  • Lokaler Einsatz von Metronidazol (→ Off-Label-Use) im Wundgebiet oder systemisch (oral/i. v.): reduziert anaerobe Keime insbesondere in den tieferen Wundschichten, die andere keimreduzierende Produkte nicht erreichen. Da eine lokale Applikation mindestens einmal täglich erfolgen sollte, ist die Belastung durch häufige Verbandwechsel mit dem Patienten abzuwägen.
  • Nutzung von Aktivkohle mit/ohne Silber bzw. Verbandmitteln mit Silber oder Polihexanid oder hydrophoben keimbindenden Produkten (Abb. 5)
  • Einsatz von in Apotheken zubereiteter 2 %iger Chlorophylllösung, wird auf die wundabgewandte Kompressenseite geträufelt (→ Off-Label-Use)
  • Bei Bedarf Einsatz von Clorophylldragees gegen Mund-/Körpergeruch
  • Verbandwechselintervalle anpassen; Verbandmittel verwenden, die Keime binden/abtöten und viel Exsudat aufnehmen und auch halten können, z. B. mit Superabsorbern
  • Bei kurzfristigen sozialen Kontakten reduziert das Abdecken der Wunde mit Folienverbänden zeitweilig die Gerüche. Eine längerfristige bzw. dauerhafte Anwendung birgt das Risiko der Entwicklung einer feuchten Kammer und erhöht somit das Infektionsrisiko.

 

Um zudem Gerüche im direkten Patientenumfeld zu minimieren, können Kaffeepulver, Katzenstreu, Rasierschaum, Essigwasser oder auch synthetische Geruchsbinder sowie Geruchsbinder auf Basis ätherischer Öle eingesetzt werden. Des weiteren sind Kleidung und Bettwäsche regelmäßig zu wechseln und der Raum mehrmals täglich zu lüften. Bei Interesse kann eine Aromatherapie mit dem Patienten besprochen werden. Allerdings können solche Düfte einen unangenehmen Geruchsmix mit dem Wundgeruch erzeugen, der Übelkeit auslöst oder verstärkt. Hierfür sind geschulte Aromatherapeuten hinzuzuziehen.

 

Blutung stillen

Eine typische begleitende Komplikation bei Malignom-assoziierten Wunden sind überraschende und heftig einsetzende Blutungen im Wundbereich (Abb. 7). Folgende Versorgungsoptionen können hilfreich sein:

  • Zur Prophylaxe von Kontaktblutungen atraumatischen Verbandwechsel durchführen
  • Vorab ist der Einsatz gerinnungshemmender Medikamente kritisch zu prüfen, ggf. nach sorgfältiger Nutzen-/Risikoabwägung absetzen
  • Verbesserung der Blutgerinnung anstreben, wenn möglich
  • Wenn möglich, Kompression oder lokalen Druckverband anlegen
  • Bei leichten Blutungen betroffene Region zur Vasokonstriktion kühlen
  • Einsatz von blutstillenden Präparaten nach ärztlicher Verordnung: z. B. bei leichter Blutung Einsatz von Alginaten oder Kollagenprodukten; bei stärkeren Blutungen lokaler Einsatz von Hämostyptika (Off-Label-Use) (Abb. 8), mit Adrenalin 0,1 % getränkte Kompressen (Off-Label-Use) oder Nasentropfen, z. B. Otriven® (Off-Label-Use)
  • Bei stärkeren Blutungen systemischer (oral/i. v.) oder lokaler Einsatz von Antifibrinolytika
  • Einsatz von schnell und gut aufsaugendem Material
  • chirurgische Intervention: Blutstillung durch operative Maßnahmen
  • Um Panikreaktionen des Betroffenen angesichts großer Blutflecken auf der Bettwäsche vorzubeugen, dunkle/farbige Tücher und Bettwäsche nutzen

 

Vorab sollte mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen über das Risiko von Blutungen gesprochen werden. Dies trägt dazu bei, die psychische Belastung im Ernstfall zu minimieren und allen Beteiligten zu ermöglichen, die Blutung korrekt einzuschätzen und besonnen zu reagieren. Ergänzend werden Absprachen über das Verhalten im Blutungsfall getroffen und ggf. in einem Notfallplan schriftlich festgehalten.

 

Juckreiz minimieren

Juckreiz (Pruritus) ist ein weiteres mögliches unangenehmes Symptom Malignom-assoziierter Wunden. Dieser kann durch Reizung der Nervenendigungen durch Dehnung oder Austrocknung der Haut ausgelöst werden. Folgende Strategien können bei der Reduzierung der Belastung von Juckreiz hilfreich sein:

  • Mögliche Ursachen identifizieren: z. B. Entzündungsreaktionen, Allergie auf oder Unverträglichkeiten gegenüber Verbandmitteln, wenn möglich beheben
  • Kühlung des betroffenen Areals
  • Atmungsaktive Kleidung und Bettwäsche
  • Einsatz von TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) zwischen Wunde und Wirbelsäule auf der intakten Haut
  • Bei Bedarf Einsatz von Entspannungstechniken und Ablenkung
  • Bei Bedarf weiterführende dermatologische Abklärung
  • lokale Schmerztherapie mit Morphingel NRF

 

Fazit - Was tun, wenn eine Wunde nicht mehr heilbar ist?

„Es geht nicht primär darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben!“ (Zit. n. Cicely Saunders, engl. Ärztin, Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin). Die palliative Wundversorgung ist ein gleichwertiger Bestandteil des gesamten palliativen Behandlungskonzepts. Sie legt einen Schwerpunkt auf die Prävention und Linderung von Symptomen, die den Betroffenen belasten und einschränken. Im Fokus steht nicht die Abheilung der Wunde, sondern die Ziele und Bedürfnisse des Patienten. Hierzu gehören insbesondere die Erlangung und Wahrung der Lebensqualität durch Selbstbestimmung, Würde und Schmerzfreiheit.

 

Autorin: Kerstin Protz, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Referentin für Wundversorgungskonzepte, Vorstandsmitglied Wundzentrum Hamburg e. V.

 

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